short story • Anlauf

Donnerstag Nacht, 22.39. München Hauptbahnhof. 
Eins. Die Fenster im Starbucks sind noch hell erleuchtet, das Stimmengewirr wabert zwischen Karamellwolken dahin. Die Glastür schlägt hinter mir zu, ein dumpfes Krachen. Mein Kopf dröhnt. Wühle mich durch englische Begriffe, caramel, java chip, venti, espresso shot, tanzen durch meinen Kopf. Dann wühle ich mich durch die Münzen in meinem Portemonnaie und bestelle doch nur eine Flasche Wasser, zwei Euro, kalt und nicht tall, grande, venti. Die roten Sessel sind so kaffeefleckig und abgewetzt wie immer, aber einer ist noch frei. Die Tasche kracht zu Boden, und ich blicke nach draußen, auf das Kommen und Gehen. Nur die Anzeigetafel leuchtet stoisch vor sich hin, und das Wasser schmeckt nach schalen Erinnerungen. 

Zwei. Der Bankautomat rattert sein resigniertes Mantra vor sich hin. Karte schlucken, Scheine ausspucken. Noch zwei Menschen vor mir, und die Karte zittert mit meinen Fingern um die Wette. Ihre Zahlen verschwimmen mit dem Blau und Gold vor meinen Augen wie ein Kaleidoskop, verschlungene Muster, die vor sich hinglitzern. Ich blinzle, dann steht er vor mir. Er spricht Französisch. Meine Finger stellen nicht um. Veuillez introduire la carte. Die Karte in den Schlitz. Vier Ziffern. Acht. Neun. Drei. Neun. Jetzt kann er Deutsch und fragt mich, was ich tun möchte. Das weiß ich auch noch nicht so genau, sage ich zu ihm. Und wähle dann doch Abheben. Gesamter Betrag. 437,90€. Sind Sie sicher? Sicher ist gar nichts, sage ich, und drücke die grüne Taste. Er fängt wieder an zu rattern, singt sein Lied von einem, der immer nur den einen Ort sieht. Und spuckt alles aus, Scheine und die Karte. Ich atme ein und wieder aus. Einmal, zweimal, dreimal. Tschüss, sage ich. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. 
Drei. Die Anzeigetafel leuchtet noch immer unbeirrt und stört sich nicht an der Tatsache, dass sich ihr weißgebuchstabtes Kleid ständig neu erfindet. Ich leiste ihr Gesellschaft und studiere die Orte, von denen sie mir erzählt. Hamburg (Altona). Frankfurt. Venezia San Lucia. Salzburg. Essen. Hast du nichts anderes im Angebot, frage ich sie. Wortlos wechselt sie die Aufschriften. Ich fange von vorne an und muss gar nicht lange suchen Danke, sage ich, jetzt habe ich das Richtige gefunden. Paris Est. Der TGV in zwanzig Minuten. Der Bahnbeamte am Schalter sieht traurig aus und gähnt und ich würde ihm einen Kaffee anbieten, wenn ich mehr Zeit und Geld hätte. Aber ich habe nur Worte, und davon nicht viele. Ob in dem TGV noch freie Plätze seien, frage ich. Ja, sagt er, um die Zeit schon. Hin- und Rückfahrt? Nee, sage ich. Einfach reicht, danke. Er zieht die Augenbrauen hoch. Reservierung? Ja, sage ich, nicke mich durch die nächsten Fragen. Reiche ein paar Scheine über den Tresen und sammle die Münzen ein. Das Ticket ist federleicht in meinen Händen, als ich mich umdrehe und gehe. 
Und los. Der Zug rattert gleichmäßig über die Schienen, ganz anders als der Geldautomat vorhin. Nicht so verzweifelt, denke ich, bevor ich langsam ins Unbewusste gleite. Wenn die Sonne wieder aufgeht, bin ich in Sicherheit.


Ja, wenn ich die Zeit dazu finde, dann schreibe ich nach wie vor. Diese Geschichte ist aus einem Impuls heraus entstanden: ich war abends am Hauptbahnhof in München und habe ein abgehetzt aussehendes Mädchen beobachtet, das eine riesige Tasche hinter sich herzog. So kann eine zufällige Begegnung zu einer ganzen Geschichte führen.
  1. Wie schön geschrieben 🙂 Warum inspiriert mich der Münchener Hauptbahnhof nicht so wie dich? 🙂

  2. Tolle Worte!
    Mir verhelfen solche Begegnungen auch immer zu solchen Gedankenstößen.

    xoxo, Celine
    http://marieceliine.blogspot.de

  3. Hallo Maus danke dir <3
    ich freue mich dass dir die reise essentials gefallen haben
    und ah danke dir, ich mag meine lila haare so gar nicht
    aber das liegt eherdaran, dass meine haare abgebrochen sind-.-

    alles Liebe deine AMELY ROSE

  4. Die Geschichte gefällt mir echt gut. Ich habe mittlerweile schon so viel Zeit an Bahnhöfen verbracht, gerade auch an dem Münchener. Meistens bekommt man dort ziemlich viel Inspiration. Vielleicht liegt es daran, dass man an wenigen Orten so viele unterschiedliche Menschen auf einem Haufen hat.
    Anneke ♥

  5. Wunderschön geschrieben! Die Geschichte hat eine tolle Atmosphäre!
    Liebe Grüße
    Sarah

  6. Wow, wirklich super geschrieben und ich wünschte, mich würde ein Bahnhof auch mal so toll inspirieren 🙂

    XXX,

    Wiebke von WMBG

    Instagram||Facebook

  7. Wow so schön geschrieben. Selten hat mich etwas so in seinen Ban gezogen. Echt große Bewunderung.
    Liebe Grüße, Lea♥

    http://xxleasworldxx.blogspot.de/
    https://www.instagram.com/leaxxworld/

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