Short Story – The Day The Music Died

„Kennst
du diese Tage?“, fragt sie schläfrig und streckt sich wie eine Katze. „Diese
Tage, an denen einem nichts und niemand etwas anhaben kann? In denen die
gläsernen Gedanken plötzlich zu Holz werden?
Er
mustert sie amüsiert und streicht ihr die wilden, kastanienbraunen Locken aus
dem Gesicht. „Warum ausgerechnet Holz?“
„Holz
ist fest. Warm. Stabil. Und es schützt“, murmelt sie in das Kissen hinein, die
Stirn gerunzelt, als wäre das ganz offensichtlich. Draußen pfeift der Winterwind
unermüdlich um das Haus und schleudert nadelfeine Regentropfen vor sich her.
Er
springt auf und starrt nachdenklich aus dem Fenster. „Ja“, sagt er zerstreut,
„die Tage kenne ich.“

„Du
kanntest sie“, sagt sie, plötzlich aufrecht dasitzend und die Stimme hölzern,
aber nicht die geringste Wärme liegt darin. „Du kanntest sie, aber jetzt kennst
du sie nicht mehr, denn jetzt, jetzt kommt der Winter und vor dem Winter
hattest du schon immer Angst. Du hast Angst vor der Kälte, weil du dann merkst,
dass du eigentlich fliehen willst. Und du merkst, dass du schon längst auf der
Flucht warst und es immer sein wirst; wovor, das weißt auch du nicht. Das weiß
niemand.“ Und jetzt wird ihre Stimme brüchig, als er immer noch am Fenster
steht und hinaussieht; nein, er sieht sie nicht an, als sie weiterspricht. „Und
eigentlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis du von hier verschwindest
und alles mitnimmst; deine ewigen Fragen und dein Stummsein und deinen Geruch
und – “ und weiter kommt sie nicht, denn er wirbelt genauso schnell herum, wie
er aufgesprungen ist, und sie denkt, jetzt verschwindet er. Jetzt geht er
einfach und sie sieht ihn nie wieder, nie wieder der Blick voller Fragen und
die Taschen voller Sorgen. Aber er packt sie am Arm und sie zuckt zurück und da
küsst er sie einfach, stürmischer als je zuvor. Er, der Meister der
Zurückhaltung. Und als sie sich von ihm löst, verwirrter als je zuvor, sieht er
sie an mit einem Blick, den sie nicht kennt. Keine einzige Frage steht darin,
und er ist nie ohne Fragen.
„Du
bist meine Flucht“, haucht er und streicht federleicht über die Gänsehaut an
ihren nackten Armen. Streift ihren Hals mit seinen Lippen, beinahe beiläufig,
und sie lässt es geschehen. „Wie kann ich noch fliehen, wenn du das Einzige
bist, was mich noch interessiert?“, flüstert er und sie erschauert unter seinen
Berührungen, aber die Winterkälte bleibt draußen vor den Mauern, und
vielleicht, vielleicht sind die Gedanken heute doch aus Holz.
Und
später, als die Regentropfen wie Paukenschläge auf die Dachfenster donnern und
der Tee zimtige Schwaden in der Luft verbreitet, sieht er sie an und lächelt
leicht, nur dieser eine Mundwinkel millimeterbreit nach oben gezogen. „Verrat
mir nur eins – wie könnte ich jemals wieder fliehen? Wie könnte ich vor dir
davonlaufen? Du kommst mir nicht ab und zu in den Sinn. Du wohnst darin.“ Und
sie sitzt nur da, starrt in ihren Tee und spürt noch immer seine Lippen auf
ihrer Haut. „Du hast immer Fragen gestellt. Fragen über Fragen.“
„Die
stelle ich mir immer noch“, gibt er zu und streicht mit den Fingerspitzen über
die feinblauen Äderchen an ihren Handgelenken; gerade so, als wolle er
sichergehen, dass sie noch da sind. „Ich stelle mir tausendundneunundneunzig
Fragen, und die meisten davon kann ich nicht einmal aussprechen.“
„Fragen
ohne Worte“, murmelt sie und nippt an ihrem Tee, der so gar nicht nach dem
Sturm draußen schmeckt. „Stell sie mir“, sagt sie. Ganz plötzlich, und jetzt
redet sie, ohne nachzudenken. „Stell mir jede einzelne und ich schwöre, ich
finde dir eine Antwort darauf.“
Er
lächelt, diesmal ein richtiges Lächeln. Eines, das bis zu den Fragen in seinen
Augen hinaufreicht und den Sommer wieder in sein Gesicht zaubert. „Und da
glaubst du, ich müsste vor dir flüchten?“
Die
Erkenntnis tropft in ihr Gesicht, sie öffnet die Lippen zu einem kirschroten
Halbmond und endlich, endlich versteht sie. „Du suchst die Antworten. Du rennst
den Antworten hinterher.“
„Natürlich“,
flüstert er, ganz nah an diesem verheißungsvollen Halbmond, und er küsst sie
sanft, während draußen die ersten Schneeflocken zu fallen beginnen. 
  1. die bilder haben mich eingeladne deine geschichte zu lesen^^
    ich nehme es vorweg: ich glaube nicht mehr an die liebe, letzte kapitel abgeschlossen, aber es beschleicht sich das gefühl, es könnte ein fehler gewesen sein, das buch der liebe geschlossen zu haben und ne wieda den stift auf ein neues buch aufzusetzen; es muss schön sein von einem 'engel', seinem persönlichen engel verfolgt zu werden, das war auch der meine ansatz in vergangenen tagen…lg

  2. Eine wunderbare Geschichte.. und die Bilder dazu sind auch toll! 🙂

  3. Bin gerade sehr gebannt und in Gedanken ganz wo anders. Die Geschichte ist einfach sehr mitreisend und nachdenklich! Großes Kompliment zur Gedankenführung und Gestaltung des Textes! Hoffe, dass ich bei weiteren Besuchen mehr davon entdecken werden. Auch die Bilder sind passend und sehr schön. Alles in einem: Toller und gelungener Post! Danke dir auch für die lieben Worte zu meinem Text. Habe mich so sehr gefreut, dass du ihn gelesen hast und auch nächsten Sonntag wieder vorbei schaust. 🙂 Achja, habe auch gesehen, dass ich dich als neue Leserin begrüßen darf! Hoffe natürlich, dass dir die kommenden Beiträge gefallen werden. Finde deinen Blog auch sehr schön und werde dich in Kürze wieder besuchen.

    Viele liebe Grüße und eine schöne Woche!

    mtrjschk.blogspot.de

  4. eine sehr schöne geschichte und tolle bilder! 🙂

  5. Die Kombination aus den schönen Bildern und diesem fesselnden Text ist unglaublich.
    Du kannst wirklich gut schreiben.
    "Du kommst mir nicht ab und zu in den Sinn. Du wohnst darin." Diese Formulierung ist einfach so unglaublich schön 🙂
    Anneke ♥

  6. Sollte das etwas mit der Oreo Tarte werden, hoffe ich sehr, dass sie dir schmeckt 🙂
    Lg Ronja

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